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Geschichte erfahrbar machen

Zeitzeugin am UGM

„Wer hat das Recht Menschen zu ermorden wegen ihrer Religion, wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer sexuellen Neigung? Niemand!“
- Karla Spagerer

Am 26.04.2024 hatten die neunten Klassen des Ursulinen-Gymnasiums die Ehre eine der letzten Zeitzeuginnen der NS-Diktatur kennenzulernen. Karla Spagerer berichtete uns über ihre Kindheit in Mannheim während der Zeit der Nationalsozialisten. Sie wurde von dem SPD-Landtagsabgeordneten Dr. Stefan Fulst-Blei sowie Nadja Fakesch, einer ehemaligen Schülerin des Ursulinen-Gymnasium-Mannheim begleitet. Fulst-Blei moderierte das Gespräch und leitete mit wenigen ein. Sein erster Satz war eine Warnung: „Ihr werdet hier anders herauskommen, als ihr hereingekommen seid. […] Ihr werdet zu Zeitzeugen.“

Frau Spagerer erzählte über ihr Leben als Tochter einer Kommunistenfamilie in der Zeit von 1933 bis 1945. Ihre Mutter sei damals aufgrund ihrer Armut Kommunistin geworden. Sie selbst bezeichnete sich nie als Kommunistin, unterstützte allerdings ihre Familie. Diese gehörte damals der kommunistischen Widerstandsgruppe Leschleiter an. Karla Spagerer meinte, sie sei wohl eine der wenigen Personen, die Georg Leschleiter persönlich kannten. Frau Spagerers Onkel entschied sich damals schon früh, das Land zu verlassen. Er war wie der Rest der Familie Kommunist und suchte Zuflucht in der damaligen kommunistischen Sowjetunion. Erst Jahrzehnte später erfuhr hat Frau Spagerer, dass ihr Onkel ein Opfer Stalins wurde, der es sich damals zum Ziel gesetzt hatte, alle Deutschen im Land loszuwerden.

Je länger der Vortrag andauerte, desto eindringlicher wurden die Schilderungen der damaligen Zeit. Karla Spagerer berichtete, wie ihre Großmutter von den Nazis festgenommen wurde. Der Vorwurf: sie hatte Essen an Familien von Gefangenen verteilt. Dieses Ereignis prägte die damals noch sehr junge Karla Spagerer, die ihre Großmutter immer als die beste Frau der Welt gesehen hatte und das auch heute noch immer tut. Sie kann sich auch an Freunde der Familie erinnern, zwei jüdische Frauen, die in F3 in den Mannheimer Quadraten arbeiteten, dort wo heute die Synagoge steht. Beide sind in der Reichspogromnacht verschwunden. Erst 80 Jahre nach dem Holocaust erfuhr Karla Spagerer was damals mit ihnen passiert ist.

Frau Spageres Vortrag bot tiefe Einblicke in das Alltagsleben in der NS-Zeit. Man lebte in Bunkern und zwischen Ruinen, die ständigen Bombenalarme waren ein Teil des Tagesablaufs. Sie lebte in ständiger Angst. Erst als die Demokratie kam, verflog diese Angst. Doch jetzt, in diesen Zeiten, käme sie wieder zurück. Eigentlich war sie sich lange sicher, dass die Menschen aus ihren Fehlern gelernt haben, nun sei dies allerdings nicht mehr so. Frau Spagerer forderte die Schülerschaft auf, wählen zu gehen und etwas gegen diese Wendung zu tun: „Wir müssen dafür sorgen, dass nie mehr erst Bücher, dann Menschen verbrannt werden.“

Im Anschluss an den Vortrag stellten die neunten Klassen des UGM noch Fragen. Auf die Frage, was sie dazu bewegt hätte ihre Geschichten an Jugendliche weiter zu erzählen, sagte sie, dass ein älterer Mann auf sie zugekommen sei und zu ihr meinte, dass sie ihre Geschichten weitererzählen müsse. Ein weiterer Auslöser sei der Lauf der AfD: „So war es 1933 auch“, so Spagerer. Jemand anderes wollte wissen, ob die Leute sich damals Gedanken darüber gemacht haben, was mit den deportierten Juden passierte. Frau Spagerer antwortet darauf mit „Nein“. Ihre Eltern und andere Erwachsene hätten zwar gewusst, was in dem Arbeitslager in Sandhofen passiert sei. Die schrecklichen Dinge, die in einem Vernichtungslager passiert sind, hätte sich allerdings niemand vorstellen können.

„So fängt es an!“, antwortete Frau Spagerer, als jemand fragte, was sie von Jugendlichen halte, die sich heute einen Spaß aus der Nazizeit machen. Sie könne es nicht begreifen. Sie ist der Überzeugung, dass vor allem das Internet damit zu tun habe, das vor allem die AfD für Propagandazwecke benutze. Auf die Frage, was sie jetzt jemandem sagen würde, der den Holocaus leugnet, antwortete sie nur, dass sie versuchen würde, der Person höflich zu sagen, dass sie dumm sei.

Der Besuch der Zeitzeugin Karla Spagerer war für uns alle ein prägendes Ereignis und wir sind froh einmal in unserem Leben eine Chance dazu gehabt zu haben. Viele von uns waren danach sehr gerührt und mit jemandem zu sprechen, der all das wirklich erlebt hat, anstatt alles nur aus einem Schulbuch zu lernen, war eine ganz neue Erfahrung.

Marlin Sobotka, Klasse 9c
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