Erste Eindrücke von Peru: Unser Abiturient Moritz Hardung berichtet im September 2014
Machu Picchu. Das ist meist das Einzige was die Leute zu Peru wissen. Klar, ist Machu Picchu das Hauptziel jener, die sich in das weit entfernte Peru trauen, aber das Reich der Incas war und besteht nicht nur aus den Ruinen, welche eines der 7 Weltwunder sind. Es ist sehr vielseitig, soziale Disparitäten prägen das Zusammenleben und die Natur ist atemberaubend!
Zuallererst ist zu sagen, dass der Tourismus einer der Haupteinnahmequellen der peruanischen Wirtschaft ist. Cuzco, Lima, Arequipa. Das sind die Hauptziele der meist europäischen Touristen. Die Lebensweise, Wirtschaft und Einwohner sind dort zivilisiert. Das liegt daran, dass diese Städte sich sehr stark an den USA orientieren und versuchen, diese Lebensweise zu kopieren.
Cuzco ist nur eine Autostunde entfernt vom kleinen Örtchen Urubamba, wo das Herz des Projektes „Corazones para Peru“ liegt. Dort sind fast alle Projektbereiche angesiedelt. Es ist deutlich zu merken, wie vielseitig das Projekt ist. Ich für meinen Teil jobbe in nur zwei Arbeitsbereichen. Ich gebe an drei verschiedenen Schulen Unterricht, in Englisch und Computaciòn (vergleichbar mit IT). Die Kinder sind meist sehr unkonzentriert und der Unterricht ist nur in Zügen zu vergleichen mit dem deutschen. Darüber hinaus arbeite ich in „Aprender con Corazòn“, was eines der wichtigsten und größten Projekte ist. Die Arbeit teilt sich auf, in Berichte schreiben, Familien besuchen und vielen kleineren Aktionen, die wir organisieren und leiten. Nach den ersten Monaten ist zu merken, wie man langsam Vertrauen zu den Familien gewinnt, sie einen in ihr Herz schließen und man ihre Dankbarkeit spürt. „Corazones“ unterstützt ausgewählte Familien, sowohl finanziell mit monatlichen 120 Soles (entspricht 35 Euro, was hier sehr viel ist!) um die Bildung deren Kinder zu fördern, als auch moralisch mit den vielen Hausbesuchen, die wir Freiwilligen ausüben. Das Arbeitsverhältnis zwischen Peruanern und Deutschen ist nicht zu vergleichen mit dem bekannten in Deutschland. Werte, wie Pünktlichkeit und Genauigkeit, sind hier nur im geringen Maße vorzufinden, aber die Zusammenarbeit ist so herzlich und freundlich wie selten in der Heimat. Das liegt auch viel an unserem Chef Boris, der sehr viel Wert auf die Beziehung zu seinen Freiwilligen legt und uns somit die Arbeit deutlich erleichtert.
Ich würde sehr gerne in meiner restlichen Zeit in verschiedene andere Arbeitsbereiche einsteigen. So zum Beispiel in die PR: Dort werden Berichte übersetzt für die Facebook Seite, es werden bei verschiedenen Unternehmen nach Kollaborationen gefragt usw. Außerdem würde ich gerne in die Kindergrippe „Wawa Wasi“ reinschnuppern. Und zu guter Letzt fände ich es super, im Krebszentrum in Cuzco, krebskranken Kindern ihren schweren Weg zu erleichtern.
Das größte Projekt von „Corazones“ ist das Kinderdorf Munaychay. In acht Häusern leben momentan insgesamt 69 Kinder, nach Altersklasse und Geschlecht getrennt. Die meisten von ihnen traf ein hartes Schicksal, das sie verwaisen ließ oder sie wurden von ihren Eltern verstoßen. So finden sie in Munaychay ein neues Zuhause und werden von den Tìas und Freiwilligen geregelt durch ihre Kindheit gelenkt. Sie werden also direkt von der Straße geholt und es wird versucht, eine gute Basis für ihr weiteres Leben zu schaffen.
Darüber hinaus, gibt es noch kleinere Arbeiten, wie die der Bank, den ärztlichen Praxen (Zahn-, und Allgemeinarzt), der Fischzucht und Restaurant, Kindergarten und das Behindertenprojekt.
Zu dem Leben hier ist einiges zu sagen. Schon in den ersten paar Wochen ist mir eines aufgefallen: In der Schule lernt man viel über die Situation und die Probleme der lateinamerikanischen Länder. Teilweise sind sie hier schon auf den ersten Blick zu erkennen. Kriminalität, Armut und Verzweiflung prägen hier vor allem in Ccotohuinchu, dem Armenviertel von Urubamba, den Alltag. Auf der anderen Seite ist alles ganz anders als man es sich vorgestellt hat, und vor allem anders als man es im Unterricht gelernt hat. Das Indigene Volk (ca. 50% der Einwohner Urubambas) zum Beispiel lebt ganz offen mit der restlichen Bevölkerung zusammen. Sie sprechen meist sowohl Quechua, als auch Castellano. Die meisten Peruaner, egal ob indigen oder nicht, arbeiten auf dem Feld. Sie besitzen ihre eigene „Chacra“ und bauen dort Lebensmittel an, die sie dann auf dem örtlichen Markt verkaufen. Wenn man dort einkaufen möchte, ist IMMER Handeln angesagt!
Was mir am Anfang etwas komisch vorkam ist das Bildungssystem. Warum nur am Anfang? Irgendwann wurde mir erzählt, dass der Bildungsminister Ingenieur von Beruf ist und das Bildungssystem nur nebenbei versucht, am Laufen zu halten. Es wird zum Beispiel genauso viel Quechua- wie Englischunterricht gegeben. Da ist nur die Frage: Wieso? Das Problem hierbei ist, dass sie mit Quechua in der Arbeitswelt nicht weiterkommen. Mit guten Englischkenntnissen hingegen stehen ihnen die Türen offen. Klar, es ist hilfreich zur Bewahrung ihrer Traditionen und Kultur, aber um sich zu entwickeln, ist es der falsche Weg. Außerdem werden nur 4% des Bruttoinlandproduktes in Bildung investiert. Lehrer sein war früher ein angesehener Beruf, bis in ganz Peru Universitäten speziell für die Ausbildung von Lehrern errichtet wurden. Dies hatte zur Folge, dass jeder den Lehrerberuf erlernen wollte. Das Leistungsniveau sank mit den vielen Bewerbern, so ist es heute eine Ausbildung von 12 Wochen. Wie sollen die Kinder etwas erlernen, wenn ihre Lehrer es noch nicht mal richtig können? Die peruanische Regierung hatte außerdem die glorreiche Idee, Bildungssysteme von anderen lateinamerikanischen Ländern zu kopieren. Leider stellte sich dann heraus, dass sie nicht funktionierten, da man sie nicht zugeschnitten hatte auf die Probleme und Werte von Peru. Wie ist das genügend für ein Land, das sich entwickeln will? Das in die Zukunft schauen will?
Da bin ich sehr froh, dass ich mit meiner Arbeit genau da ansetzen kann und dadurch das Gefühl habe, konkrete und direkte Hilfe zu leisten.
Eines der größten Probleme Perus sind die sozialen Disparitäten und das West-Ost-Gefälle der wirtschaftlichen Leistung. Wer Geld hat, zieht nach Lima, die Hauptstadt. Lima ist europäisch, aber ich finde es nicht schön dort. Smog, Marginalsiedlungen und Dreck überall. Die Folge der boomenden Einwohnerzahlen. Dadurch, dass fast alle Großstädte an der Küste liegen und dort die Fischzucht eine große Rolle spielt, kommt und bleibt das Geld dort. Je weiter sich eine Stadt in östlicher Richtung befindet, das heißt im Regenwald oder Wüste, desto weniger Einkommen können sie durch die Wirtschaft erzielen. Je kleiner die Städte werden, desto schlechter ist die Bildung. Je schlechter die Bildung, desto geringer die Aussichten auf ein gutes Leben. Je schlechter die Perspektiven, desto größer wird der Hang zur Kriminalität. Diesen Teufelskreis könnte man ewig so weiterführen…
Klar geht es mir auch so, dass ich viele Sachen aus Deutschland vermisse. Meine Top 5 sind: Familie, Essen, Musik, Sport und mein Bett. Ich hätte mal wieder so Lust auf ein Schnitzel mit Spätzle und Rahmsoße. Erst hier lernt man Mamas Essen zu schätzen. Erst hier, lernt man dem Komfort in Deutschland zu schätzen. Erst hier, lernt man zu erkennen, welch ein Glück man hat, in Europa zu leben. Erst hier, fängt man an aufzuhören – aufzuhören, sich über jede Kleinigkeit zu beschweren und das zu schätzen was man hat. So sind hier zum Beispiel Schokolade oder Tütenessen Luxusartikel, die einen unfassbaren Wert haben.
Man lernt z.B. auf Technik zu verzichten und sich anderweitig zu beschäftigen. So ist man nicht wie in Deutschland 24/7 mit dem Internet verbunden, noch nicht mal zu Hause! Man läuft einfach mal einen Berg hoch, ohne Wege und eigentlich auch ziellos… aber wenn man dann einmal oben ist, weiß man dass man was geschafft hat und man genießt einfach nur die Aussicht.
Abschließend würde ich gerne sagen, dass die Zeit in Peru die Persönlichkeit formt. Ich denke, man verbessert nicht nur seine Sprachkenntnisse, sondern ich lerne auch offen für alles Neue zu sein – so zum Beispiel für die etwas anderen Werte und Lebensweise der Peruaner.
Muchos saludos de Perú,
Moritz
Zuallererst ist zu sagen, dass der Tourismus einer der Haupteinnahmequellen der peruanischen Wirtschaft ist. Cuzco, Lima, Arequipa. Das sind die Hauptziele der meist europäischen Touristen. Die Lebensweise, Wirtschaft und Einwohner sind dort zivilisiert. Das liegt daran, dass diese Städte sich sehr stark an den USA orientieren und versuchen, diese Lebensweise zu kopieren.
Cuzco ist nur eine Autostunde entfernt vom kleinen Örtchen Urubamba, wo das Herz des Projektes „Corazones para Peru“ liegt. Dort sind fast alle Projektbereiche angesiedelt. Es ist deutlich zu merken, wie vielseitig das Projekt ist. Ich für meinen Teil jobbe in nur zwei Arbeitsbereichen. Ich gebe an drei verschiedenen Schulen Unterricht, in Englisch und Computaciòn (vergleichbar mit IT). Die Kinder sind meist sehr unkonzentriert und der Unterricht ist nur in Zügen zu vergleichen mit dem deutschen. Darüber hinaus arbeite ich in „Aprender con Corazòn“, was eines der wichtigsten und größten Projekte ist. Die Arbeit teilt sich auf, in Berichte schreiben, Familien besuchen und vielen kleineren Aktionen, die wir organisieren und leiten. Nach den ersten Monaten ist zu merken, wie man langsam Vertrauen zu den Familien gewinnt, sie einen in ihr Herz schließen und man ihre Dankbarkeit spürt. „Corazones“ unterstützt ausgewählte Familien, sowohl finanziell mit monatlichen 120 Soles (entspricht 35 Euro, was hier sehr viel ist!) um die Bildung deren Kinder zu fördern, als auch moralisch mit den vielen Hausbesuchen, die wir Freiwilligen ausüben. Das Arbeitsverhältnis zwischen Peruanern und Deutschen ist nicht zu vergleichen mit dem bekannten in Deutschland. Werte, wie Pünktlichkeit und Genauigkeit, sind hier nur im geringen Maße vorzufinden, aber die Zusammenarbeit ist so herzlich und freundlich wie selten in der Heimat. Das liegt auch viel an unserem Chef Boris, der sehr viel Wert auf die Beziehung zu seinen Freiwilligen legt und uns somit die Arbeit deutlich erleichtert.
Ich würde sehr gerne in meiner restlichen Zeit in verschiedene andere Arbeitsbereiche einsteigen. So zum Beispiel in die PR: Dort werden Berichte übersetzt für die Facebook Seite, es werden bei verschiedenen Unternehmen nach Kollaborationen gefragt usw. Außerdem würde ich gerne in die Kindergrippe „Wawa Wasi“ reinschnuppern. Und zu guter Letzt fände ich es super, im Krebszentrum in Cuzco, krebskranken Kindern ihren schweren Weg zu erleichtern.
Das größte Projekt von „Corazones“ ist das Kinderdorf Munaychay. In acht Häusern leben momentan insgesamt 69 Kinder, nach Altersklasse und Geschlecht getrennt. Die meisten von ihnen traf ein hartes Schicksal, das sie verwaisen ließ oder sie wurden von ihren Eltern verstoßen. So finden sie in Munaychay ein neues Zuhause und werden von den Tìas und Freiwilligen geregelt durch ihre Kindheit gelenkt. Sie werden also direkt von der Straße geholt und es wird versucht, eine gute Basis für ihr weiteres Leben zu schaffen.
Darüber hinaus, gibt es noch kleinere Arbeiten, wie die der Bank, den ärztlichen Praxen (Zahn-, und Allgemeinarzt), der Fischzucht und Restaurant, Kindergarten und das Behindertenprojekt.
Zu dem Leben hier ist einiges zu sagen. Schon in den ersten paar Wochen ist mir eines aufgefallen: In der Schule lernt man viel über die Situation und die Probleme der lateinamerikanischen Länder. Teilweise sind sie hier schon auf den ersten Blick zu erkennen. Kriminalität, Armut und Verzweiflung prägen hier vor allem in Ccotohuinchu, dem Armenviertel von Urubamba, den Alltag. Auf der anderen Seite ist alles ganz anders als man es sich vorgestellt hat, und vor allem anders als man es im Unterricht gelernt hat. Das Indigene Volk (ca. 50% der Einwohner Urubambas) zum Beispiel lebt ganz offen mit der restlichen Bevölkerung zusammen. Sie sprechen meist sowohl Quechua, als auch Castellano. Die meisten Peruaner, egal ob indigen oder nicht, arbeiten auf dem Feld. Sie besitzen ihre eigene „Chacra“ und bauen dort Lebensmittel an, die sie dann auf dem örtlichen Markt verkaufen. Wenn man dort einkaufen möchte, ist IMMER Handeln angesagt!
Was mir am Anfang etwas komisch vorkam ist das Bildungssystem. Warum nur am Anfang? Irgendwann wurde mir erzählt, dass der Bildungsminister Ingenieur von Beruf ist und das Bildungssystem nur nebenbei versucht, am Laufen zu halten. Es wird zum Beispiel genauso viel Quechua- wie Englischunterricht gegeben. Da ist nur die Frage: Wieso? Das Problem hierbei ist, dass sie mit Quechua in der Arbeitswelt nicht weiterkommen. Mit guten Englischkenntnissen hingegen stehen ihnen die Türen offen. Klar, es ist hilfreich zur Bewahrung ihrer Traditionen und Kultur, aber um sich zu entwickeln, ist es der falsche Weg. Außerdem werden nur 4% des Bruttoinlandproduktes in Bildung investiert. Lehrer sein war früher ein angesehener Beruf, bis in ganz Peru Universitäten speziell für die Ausbildung von Lehrern errichtet wurden. Dies hatte zur Folge, dass jeder den Lehrerberuf erlernen wollte. Das Leistungsniveau sank mit den vielen Bewerbern, so ist es heute eine Ausbildung von 12 Wochen. Wie sollen die Kinder etwas erlernen, wenn ihre Lehrer es noch nicht mal richtig können? Die peruanische Regierung hatte außerdem die glorreiche Idee, Bildungssysteme von anderen lateinamerikanischen Ländern zu kopieren. Leider stellte sich dann heraus, dass sie nicht funktionierten, da man sie nicht zugeschnitten hatte auf die Probleme und Werte von Peru. Wie ist das genügend für ein Land, das sich entwickeln will? Das in die Zukunft schauen will?
Da bin ich sehr froh, dass ich mit meiner Arbeit genau da ansetzen kann und dadurch das Gefühl habe, konkrete und direkte Hilfe zu leisten.
Eines der größten Probleme Perus sind die sozialen Disparitäten und das West-Ost-Gefälle der wirtschaftlichen Leistung. Wer Geld hat, zieht nach Lima, die Hauptstadt. Lima ist europäisch, aber ich finde es nicht schön dort. Smog, Marginalsiedlungen und Dreck überall. Die Folge der boomenden Einwohnerzahlen. Dadurch, dass fast alle Großstädte an der Küste liegen und dort die Fischzucht eine große Rolle spielt, kommt und bleibt das Geld dort. Je weiter sich eine Stadt in östlicher Richtung befindet, das heißt im Regenwald oder Wüste, desto weniger Einkommen können sie durch die Wirtschaft erzielen. Je kleiner die Städte werden, desto schlechter ist die Bildung. Je schlechter die Bildung, desto geringer die Aussichten auf ein gutes Leben. Je schlechter die Perspektiven, desto größer wird der Hang zur Kriminalität. Diesen Teufelskreis könnte man ewig so weiterführen…
Klar geht es mir auch so, dass ich viele Sachen aus Deutschland vermisse. Meine Top 5 sind: Familie, Essen, Musik, Sport und mein Bett. Ich hätte mal wieder so Lust auf ein Schnitzel mit Spätzle und Rahmsoße. Erst hier lernt man Mamas Essen zu schätzen. Erst hier, lernt man dem Komfort in Deutschland zu schätzen. Erst hier, lernt man zu erkennen, welch ein Glück man hat, in Europa zu leben. Erst hier, fängt man an aufzuhören – aufzuhören, sich über jede Kleinigkeit zu beschweren und das zu schätzen was man hat. So sind hier zum Beispiel Schokolade oder Tütenessen Luxusartikel, die einen unfassbaren Wert haben.
Man lernt z.B. auf Technik zu verzichten und sich anderweitig zu beschäftigen. So ist man nicht wie in Deutschland 24/7 mit dem Internet verbunden, noch nicht mal zu Hause! Man läuft einfach mal einen Berg hoch, ohne Wege und eigentlich auch ziellos… aber wenn man dann einmal oben ist, weiß man dass man was geschafft hat und man genießt einfach nur die Aussicht.
Abschließend würde ich gerne sagen, dass die Zeit in Peru die Persönlichkeit formt. Ich denke, man verbessert nicht nur seine Sprachkenntnisse, sondern ich lerne auch offen für alles Neue zu sein – so zum Beispiel für die etwas anderen Werte und Lebensweise der Peruaner.
Muchos saludos de Perú,
Moritz

