Interview mit Lorina Umstätter, z.Zt.: Quebec, Kanada:
Lorina, du bist ja jetzt bereits ein halbes Jahr in Kanada. Was hat dich dazu bewogen, gerade dorthin zu gehen? Was gefällt dir dort am besten?
Das Erste, was mich dazu bewogen hat nach Kanada zu gehen, war die Möglichkeit zwei Sprachen auf einmal zu lernen- Englisch in der Schule und Französisch in meiner Gastfamilie. Noch dazu der Ruf, dass die Landschaft wohl einfach atemberaubend sein soll.
Wo genau in Kanada bist du? Ist die Natur tatsächlich so überwältigend, wie der Ruf, der ihr vorauseilt? Und was hast du schon alles von Kanada gesehen?
Ich wohne in der Provinz Quebec, genauer Quebec City. Da ich ungefähr mitten in der Stadt wohne bin ich hier jetzt nicht direkt von Natur umgeben. Um in die Schule zu kommen, muss ich allerdings jeden Tag den St. Lorenz Strom überqueren, der wirklich sehr breit ist und toll aussieht. Fährt man dann allerdings ein bisschen aus der Stadt heraus, sieht man was Kanadas Natur sonst noch so zu bieten hat. Weiten, Wälder und Wasserfälle. Besonders der Herbst mit den vielen verschiedenen Farben der Bäume ist sehr beeindruckend.
Du lebst ja in einer französischsprachigen Gastfamilie. Kommst du gut mit ihr zurecht? Und wie ist die Mentalität der Kanadier im Allgemeinen verglichen mit der der Deutschen?
Meine Gastfamilie ist wirklich klasse. Scheint so als hätte ich wirklich Glück gehabt. Allerdings gibt es schon Unterschiede in der Mentalität der Kanadier. Allem voran ihre Spontaneität. In der einen Minute sitzen noch alle gemütlich auf dem Sofa und es macht den Anschein, als würde man den ganzen Abend dort verbringen. Kurz darauf istt die größte Eile ausgebrochen. Es bleibt nicht mal mehr Zeit, um auf die Toilette zu gehen, so schnell muss man dann aufbrechen. Davon bin ich immer wieder fasziniert.
Wie hast du die Olympischen Winterspiele in Vancouver erlebt? Wie ist das Bild der Deutschen in der Presse? Und: Für wen hast du mehr mitgefiebert, warst du für die deutschen oder eher für die kanadischen Athleten?
Die Olympischen Winterspiele nahmen so ziemlich jeden Tag den Platz auf der ersten Seite der Zeitungen ein. Allerdings wurde dann doch nicht so stark mitgefiebert, wie das vermuten lassen würde. Auch wenn ich Kanada und die Menschen hier toll finde, schlägt mein Herz natürlich doch immer noch mehr für unsere deutschen Athleten. Wenn es dann aber doch mal passiert ist, dass Deutschland vor Kanada rausflog, hab ich doch den Kanadiern die Daumen gedrückt und ihnen einen Sieg gegönnt.
Wir hier in Deutschland beschweren uns über den langen und vor allem kalten Winter. Doch in
Kanada ist es um einige Grad kälter. Hast du dich schon an die Kälte gewöhnt oder ist es immer noch eine Überwindung für dich, rauszugehen?
Anfangs dachte ich, dieser Winter wird der kälteste und längste, den ich bis jetzt in meinem Leben erlebt habe. Dementsprechend habe ich auch meinen Koffer mit Pullis und warmen Sachen vollgestopft. Doch alles kam anders als erwartet. Für die Kanadier gab es dieses Jahr praktisch keinen Winter. Wo mir im Herbst noch von mehreren Metern Schnee erzählt wurde, fielen hier dieses Jahr nur ein paar Schneeflöckchen – für mich immer noch mehr als gewohnt, doch für hier soll das wohl gar nichts gewesen sein. Das war der schlechteste Winter seit vielen Jahren, denn wann hatte es hier im Januar schon mal Plusgrade?
Allerdings beschwere ich mich da nicht, auch wenn ich nicht sagen kann, einen richtigen kanadischen Winter erlebt zu haben, -30 Grad und drunter ist dann aber doch auch kein Zuckerschlecken.
Der Alltag ist bilingual!
Wie kommst du mit deinem bilingualen Alltag zurecht? Fällt es dir mittlerweile schwer, deine Muttersprache zu sprechen?
Es ist schon lustig wenn man am Morgen und Mittag in der Schule Englisch spricht und man dann nach Hause kommt und auf einmal alles auf Französisch ist. Da kommt man schon mal durcheinander. Aber mittlerweile hab ich mich damit eigentlich ganz gut zurechtgefunden.
Mit dem Deutsch klappt es eigentlich immer noch ganz gut. Brauche allerdings jetzt ein bisschen mehr Zeit beim Erzählen, weil mir manche Wörter erst nach längerem Nachdenken wieder einfallen.
In welcher Sprache träumst du derzeit? Auf Englisch, Französisch, oder doch noch Deutsch?
Darauf habe ich eigentlich noch nie geachtet. Wahrscheinlich eine Mischung.
Rück- und Ausblick
Gefällt dir (etwas in) Kanada so gut, dass du für immer dort bleiben würdest? Was sind die größten Unterschiede zu deinem Leben in Deutschland?
Der größte Unterschied zu meinem Leben in Deutschland ist hier definitiv die Schule. Die Schule nimmt den Großteil des Tages ein. Der Schulbus holt mich morgens kurz nach sieben Uhr vor dem Haus ab und setzt mich genau da auch wieder um halb fünf Uhr ab. Im Gegensatz dazu bin ich in Deutschland viel früher daheim. Hier bleibt einem kaum noch Zeit etwas zu tun. Der Tag ist mit den Hausaufgaben und etwas Sport dann schnell beendet.
Auch wenn es hier klasse ist würde ich allerdings doch nicht mein Leben hier verbringen wollen, dafür gefällt es mir in Deutschland immer noch zu gut.
Wem würdest du ein solches Auslandsjahr empfehlen und inwiefern hast du bisher von deinem Aufenthalt in Kanada profitiert?
Ich würde ein Auslandsjahr allen empfehlen, die Lust dazu haben ein neues Land, seine Leute und deren Sprache kennenzulernen.
Ich denke dieser Aufenthalt hier hat mir schon einiges gebracht. Ich habe viel in Sachen Selbstständigkeit, Anpassung und im Lernen einer neuen Sprache dazu gelernt, außerdem tolle Freunde gefunden und ein tolles Land kennengelernt.
Und zuletzt: Was ist das lustigste, das dir bisher in Kanada passiert ist?
Die lustigste Story (jetzt kann ich darüber lachen) ist mir eigentlich schon an meinem allerersten Schultag passiert.
Mein Schulbus hat mich vergessen abzuholen, dass heißt ich kam gleich mal drei Stunden zu spät in die Schule. Und das an meinem allerersten Schultag!
Dann war ich kurz davor mein Schließfach (das ich jetzt ganz toll finde, vorher allerdings total ungewohnt fand) aufbrechen zu lassen, weil ich vor lauter Aufregung vergessen habe, mir meine Codenummer zu merken und zu guter Letzt hatte mich der Schulbusfahrer auf dem Heimweg auch wieder vergessen. Ich muss an diesem Tag wohl ziemlich verzweifelt ausgesehen haben…
Daneben gab es natürlich unzählige Versprecher und „Wörterverwechslungen“ meinerseits, die dann schon mal zu lustigen Missverständnissen geführt haben.
Danke für das Interview und noch eine schöne Zeit in Kanada!
Das Interview führte Kristin Berberich, 13


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