Ursulinen-Gymnasium Mannheim
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Das Neueste von unserem Schalomboten

Dominik kehrt zurück - seine letzten Eindrücke
Kfar Tikva, im Juli 2008

Liebe Shalom-Gemeinde, liebe Verwandte, liebe Freunde und Unterstützer,

„Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können.“
Vor einem Jahr war ich als Schalombote raus in die weite Welt gezogen und nun kehre ich wieder heim, im Gepäck ein Jahr der Superlative, das meine kühnsten Hoffnungen mehr als erfüllt hat. Die letzten drei Monate waren wie die Monate davor, unglaublich intensiv und erlebnisreich. Mitte Mai gab es gleich mehrere Festtage in Israel. Zum einen den Jom haZikaron, den Gedenktag an die gefallenen Soldaten, den Jom haSho'a-der-Gedenktag an den Holocaust und natürlich der Jom haAtzma'ut, den israelischen Unabhängigkeitstag, der dieses Jahr zum 60sten Mal gefeiert wurde. Dem Jom haZikaron wurde mit einer Zeremonie auf dem Sportplatz gedacht, an der auch Soldaten der israelischen Armee teilgenommen haben. Am Jom haShoa war ich mit zwei Mitvolontären mit dem Auto in Haifa. Diese Emotion, die dort in der Luft lag, kann man sich nicht vorstellen. Punkt 10 Uhr Ortszeit ertönten landesweit die Sirenen – für zwei Minuten blieb das öffentliche Leben in Israel stehen, Autofahrer stiegen aus ihren Fahrzeugen aus, in Büros und Schulen erhoben sich die Menschen von ihren Stühlen, Passanten auf den Straßen verharrten in stillem Gedenken an die sechs Millionen von Nazi-Deutschland ermordeten Juden. In der Knesset in Jerusalem versammelte sich anschließend Israels politische Führung zur zentralen Gedenkfeier. Der Jom haAtzmaut stellte alles Erlebte in den Schatten. Schon Wochen vorher gab es in den Medien nur noch ein Thema: 60 Jahre Israel. Wie in Israel an diesem Tag üblich feierte ich mit einigen Volontären dieses Ereignis an einem Strand mit Barbecue, während im Rest des Landes zudem noch Militärparaden abgehalten wurden.
Eine Woche später besuchten mich Jonas und Phil, zwei Freunden aus Deutschland. Auf unserer einwöchigen Rundreise durch das Land sollten wir auch das Gegenprogramm zu den israelischen Feierlichkeiten kennen lernen. Neben den Hauptsehenswürdigkeiten besichtigten wir auch die palästinensischen Autonomiegebiete.
Das Wadi Quelt mit seiner unwirklichen Landschaft und das traumhafte St. Georg's Kloster, Jericho am Westufer des Jordan, die älteste Stadt der Welt und mit 250 Metern unter dem Meeresspiegel zugleich auch die tiefste Stadt der Welt, den Baum des Zöllners Zachhareus, den Berg der Versuchung, in dem Jesus 40 Tage und 40 Nächte dem Satan widerstand, und den Hishams-Palast. Im Anschluss besuchten wir auch Ramallah, die größte Stadt der Palästinenser im Westjordanland. Vor Ort besichtigten wir das Mausoleum von Yassir Arafat und fanden uns kurze Zeit später zwischen Menschenmassen wieder, die an einer Zeremonie teilnahmen: 60 Jahre "Al- Naquba.“ „Wir werden zurückkehren", skandierten die Teilnehmer der Großveranstaltung in Ramallah, auf der 22.000 schwarze Luftballons in die Luft stiegen - jeder Luftballon stand für einen Tag des Staates Israel. Es trat der Bruder von Yassir Arafat wild gestikulierend auf und die Stimmung war traurig und gereizt. Ein krasseres Kontrastprogramm zu den israelischen Feierlichkeiten hätte es definitiv nicht geben können.
Nach diesem gemeinsamen Urlaub verlegte ich meine Arbeitsstelle von Kfar Tikva an den See Genezareth in das Benediktiner Kloster Tabgha und machte ein dreiwöchiges Praktikum in der Begegnungsstätte, in die regelmäßig körperlich und geistig behinderte Jugendliche und Erwachsene, Israelis und Palästinenser, Juden, Christen und Muslime kommen, um in ihrem belasteten Lebensalltag Erholung zu finden an Körper, Geist und Seele. Sie bringen ihre Begleiter und Betreuer mit und ihnen wird gratis die Unterkunft zur Verfügung gestellt - an diesem in seiner Natur paradiesischen Fleckchen Erde. Für Palästinenser ist Tabgha überhaupt der einzige Ort im ganzen Land, wo sie zur Erholung hinfahren können. Der Satz Jesu kann einem hier leicht zur Erfahrung werden: „Als er die vielen Menschen sah, ward ihm weh um sie."
Die Herzlichkeit, mit der ich dort aufgenommen wurde, erleichterte mir den Einstieg enorm und die ganze Zeit über empfand ich die Arbeitsatmosphäre als entspannt und angenehm wie auch das Leben in der Mönchsgemeinschaft. Vor Ort galt es neben der für mich gewohnten Gartenarbeit auch mit meinen Mitvolontären in der Begegnungsstätte Beit Noah zu arbeiten. Das bedeutete Toiletten, Zimmer und Küchen putzen, Betten beziehen und den kleinen Lebensmittelladen betreiben. Neben dem regulären Arbeitsalltag war das Beten eine feste Konstante im Klosterleben. Es gibt im Prioriat Tabgha fünf verschiedene Gebetszeiten, zu denen man herzlich eingeladen ist, und ich kann sagen, es ist etwas ganz Besonderes an diesem Ort zur Sonntagsmesse am See unter freiem Himmel zu gehen oder vor bzw. nach dem Arbeitstag innezuhalten und dem fantastischen Gesang der Mönche zu lauschen und im gemeinsamen Gebet neue Kraft zu tanken.
Auch ein gemeinsamer Betriebsausflug mit Prior Jeremias und den Volontären fand statt und führte uns in das Wadi Yehudia. Das ist ein Nationalpark in den Ausläufern des Golan gelegen. Bei strahlendem, später brennendem Sonnenschein wanderten wir durch dieses Wadi und mussten auf diesem Weg von meterhohen Klippen springen, Berge ersteigen, meterhohe Wasserfälle passieren, erfrischende Seen durchschwimmen. Dies und die Pausen in wunderschöner Natur und der Gemeinschaft machten es zu einem Highlight meines Aufenthaltes.
In meiner letzten Woche am See Genezareth beschlossen Christian und ich, dass wir eine Zwei-Tagesreise durch die Westbank unternehmen wollten. Die Dormitio-Abtei in Jerusalem war für diese Zeit unsere Übernachtungsstelle. Durch Beit Yalla und Beit Sahur, zwei Vororte von Bethlehem, ging es in die judäische Wüste nach Mar Saba. Das ist ein griechisch-orthodoxes Kloster und wurde 439 gegründet. Derzeit wohnen nur noch 10 Mönche dort, im 7.Jahrhundert waren es ca. 4.000. Im Kloster fand Morton Smith im Jahr 1958 eine Kopie eines der Briefe von Clemens von Alexandria. Der Brief enthielt Fragmente des geheimen Markus-Evangeliums. Im Anschluss besuchten wir den Herodion-Nationalpark, eine von Herodes dem Grossen (74-4 v. Chr.) in der Zeit 24- 12 v.Chr. errichtete Festungs- und Palastanlage. Vor Ort mussten wir erst einen Checkpoint der israelischen Armee durchqueren und waren auch die einzigen Gäste in dieser nicht ganz ungefährlichen Gegend. Im Anschluss rundeten wir diesen Tagesausflug mit der Stadt Hebron ab und fuhren mitten durch das palästinensische Autonomiegebiet an Dörfern und jüdischen Siedlungen sowie Militärcheckpoints vorbei.
Es existieren drei verschiedene Zonen in der Westbank: Die palästinensischen Autonomiegebiete stellen die Zonen A und B dar, das übrige Westjordanland entspricht der unter vollständiger israelischer Kontrolle stehenden Zone C. Da einige Autonomieregelungen auch die Zone C umfassen, wird bisweilen das ganze Westjordanland den Autonomiegebieten zugerechnet. Das Abkommen sieht vor, die Gebiete der Zone C, abgesehen von noch zu verhandelnden Ausnahmen, schrittweise in die palästinensische Autonomie zu überführen. Eine Einigung über den endgültigen Status und die Gebietszuordnung wurde bisher nicht erzielt. Soweit sieht es die Theorie vor, doch die Praxis ist ein undurchschaubarer Zonen-Mix, der aber doch zum Ziel führte.
Hebron, die Stadt, die in der Bibel an zahlreichen Stellen erwähnt wird. Die in der Nähe gelegene Höhle Machpela, Höhle der Patriarchen oder Erzvätergrab genannt, gilt nach der biblischen Überlieferung als der Ort, an dem Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea begraben sind. Diese Höhle gilt für den Islam und das Judentum als heilig, so dass Hebron für beide Religionen sehr bedeutend ist. 1917, im Verlauf des Ersten Weltkriegs, wurde Hebron britisch besetzt und anschließend Teil des Mandatsgebiets Palästina. 1948 annektierte Jordanien das Westjordanland, und Hebron wurde zu einer jordanischen Stadt, bis Israel im Sechstagekrieg 1967 das Westjordanland eroberte und die Besatzungsmacht wechselte. Im Zuge der israelischen Besiedlung des Westjordanlandes zogen nationalreligiöse Siedler zunehmend in die Innenstadt Hebrons. Wegen der isolierten Lage zogen nur wenige Juden in die z.Z. ca. 200 Personen umfassende Altstadtsiedlung, die von der israelischen Armee gesichert wird. Nach einem Bericht der beiden israelischen Menschenrechtsorganisationen ACRI (Association for Civil Rights in Israel) und B-tselem mussten Palästinenser aufgrund der Präsenz israelischer Siedler, Soldaten und Polizisten 1014 Wohnungen räumen und mindestens 1829 Geschäfte und Betriebe im Stadtzentrum aufgeben; mindestens 440 davon wurden auf Befehl der Armee geschlossen.
Umringt von Kindern und staunenden Augen, da sich Touristen normalerweise nicht nach Hebron trauen, gelangten wir zur israelischen Siedlung inmitten der arabischen Altstadt. Früher existierte hier einmal ein blühender Suk für den Goldhandel, doch sitzen nun hier die radikalen Siedler bewacht von der Armee - ein wahres Kriegsszenario. Fast täglich kommt es hier zu Übergriffen der Siedler gegenüber den Arabern, aber auch der eigenen Armee. Eine Strasse ist alles, was diese Situation so unerträglich macht, abgeriegelt wie das Fort Knox, mit schwerem Kriegsgerät und über der Straße hängen Abfangtücher, da die Siedler in der Vergangenheit schwere Gegenstände gezielt auf die Araber, die auf der Straße liefen, warfen. Dieser Ort liegt nur einige Minuten entfernt von der Machpela, die wir nach zwei Checkpoints erreichten. Vorschriftsmäßig zogen wir unsere Schuhe aus und betraten diesen den Moslems und Juden heiligen Ort, nicht dagegen die Soldaten, die mit Springerstiefeln inklusive Waffen durch die Moschee marschieren - der reine Wahnsinn! Vorbei an den größten israelischen Siedlungen in der Westbank, Gush Etzion, Efrata und Migdal Oz, kehrten wir wieder sicher und gesund über Bethlehem zurück nach Jerusalem.
Am nächsten Tag gingen wir wieder in alle Frühe los und fuhren nach Ramallah, um von dort aus ein Taxi zu besteigen, das uns nach Nablus bringen sollte. Auf dem Weg dorthin fuhren wir durch die wunderschöne Landschaft von Samaria, sehr hügelig und mit etlichen Olivenbäumen am Wegrand. Leider Gottes aber auch mit etlichen Siedlungen und Militärposten.
Nablus ist eine Stadt in den palästinensischen Autonomiegebieten. Heute leben dort unter der muslimischen und christlichen Bevölkerung etwa 300 Angehörige des Volkes der Samaritiner. Im Distrikt Nablus einschließlich der Flüchtlingslager und umliegenden Ortschaften leben 205.392 Einwohner. Im Distrikt Nablus befinden sich 14 israelische Siedlungen. Nablus gilt neben Jenin als die Terrorhochburg in der Westbank. Täglich geht die israelische Armee gegen diese Terroristen vor, doch darunter leidet die Zivilbevölkerung massiv. Die israelischen Streitkräfte riegeln sie hermetisch ab, man gelangt nur durch käfigartige Checkpoints hinein und hinaus. In der Stadt hat der Terror sich nach innen gekehrt, teils aus Angst vor Agenten und Spionen, hauptsächlich aber als pure Kriminalität. Fremden wird geraten, Nablus vor Einbruch der Dunkelheit zu verlassen. Aber auch tagsüber läuft man Gefahr, ausgeraubt oder gekidnappt zu werden. Wenn es Nacht wird in Nablus, verwandelt sich die Altstadt in eine düstere Unterwelt. Die Einwohner eilen in dem Gewirr aus engen Gassen, Steintreppen, niedrigen Durchlässen und Tunnelpassagen heim und ziehen schwere Eisentüren hinter sich zu. Bewaffnete Freischärler besetzen strategische Ecken. Fast jede Nacht rollen israelische Jeeps in die Stadt, Kommandoeinheiten holen Verdächtige aus den Betten und erschießen sich widersetzende Kombattanten. Nablus ist die Hauptstadt des palästinensischen Terrors, 60 Prozent aller Anschläge auf Israel wurden hier geplant. Seine mittelalterlichen Mauern sind mit Plakaten martialischer junger Männer beklebt – im „Kampf gegen den Zionismus" gefallene „Märtyrer."
Neben der Gewalt und dem Terror ist es jedoch eine wundervolle Stadt, die zu beeindrucken weiß durch ihre Altstadt und die Unberührtheit des westlichen Tourismus. Wir besuchten das historische Hamam aus der Osmanenzeit und schlenderten noch über den Markt. Da wir aber unter Zeitdruck standen und vor Sonnenuntergang wieder auf israelischem Terrain sein mussten, beeilten wir uns zu unserem nächsten Ziel zu kommen, dem Sebastia-Nationalpark. Nach dessen Besichtigung hatten wir ein Problem, denn es gab weder einen Bus, ein Taxi noch sonst irgendein Fortbewegungsmittel. Wir hatten uns total verkalkuliert und wortwörtlich „gestrichen die Hosen voll" und wanderten alleine auf weiter Flur Richtung Jenin, ehe uns ein junger Mann in seinem Auto mitnahm. Es war vollkommen leichtsinnig, doch was sollten wir machen - hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Und Gott sei Dank kamen wir unversehrt in Jenin an.
Die Stadt liegt im Norden des Westjordanlandes, von der UNO 1947 als Teil eines arabisch-palästinensischen Staates vorgesehen, nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg zunächst von Jordanien besetzt worden, ehe das Gebiet 1967 von Israel erobert und besetzt wurde. Als Folge des Osloer Friedensprozesses wurde Jenin 1996 eine autonome palästinensische Stadt. Wie in anderen Palästinensergebieten hat sich die Lebenssituation der Bevölkerung seit Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada im Jahr 2000 erheblich verschlechtert. Sie leidet unter der Abriegelung der Gebiete, viele Gebäude sind zerstört, die Arbeitslosigkeit ist hoch (etwa 80%). Der Name Jenin bezeichnet auch das angrenzende Flüchtlingslager, das im Jahr 1953 für aus ihrer Heimat geflohene bzw. vertriebene Palästinenser gegründet wurde, die während des israelisch-arabischen Krieges 1948 vor den israelischen Gebietsansprüchen weichen mussten. Das Lager umfasst allein etwa 12.000 Flüchtlinge auf einer Fläche von 92 Hektar. Rund 42 % der Lagerinsassen sind unter fünfzehn Jahre alt, zumeist Nachkommen von Flüchtlingen des 1948er Krieges, es bildet somit einen Brandherd des aktuellen israelisch-palästinensischen Konflikts. Seit dem Bau der israelischen Sperranlage ist sie von nördlichen Nachbargemeinden abgeschnitten, da die Sperranlage dort innerhalb der Westbank und nicht auf israelischem Staatsterritorium verläuft.
Vor Ort hielten wir uns nicht länger als nötig auf, sondern versuchten schnellstmöglich zum Checkpoint zu kommen, durch den wir nach Afula in Israel gelangen würden. Dort angekommen dann aber das böse Erwachen! Wir standen vor dem Checkpoint und durch eine Kamera beobachtet sprach man zu uns mit einem Mikrofon. Beim Passieren durch drei Drehkreuze ahnten wir schon, dass es ungemütlich werden würde. Wir mussten unsere Pässe vorzeigen und die Rucksäcke wurden durchleuchtet, die Kameras auseinander genommen. Dann mussten wir eine gefühlte Ewigkeit warten, bevor wir den nächsten Raum betreten druften, der von hohen Mauern umgeben war und über uns wachte ein israelischer Soldat mit einem Gewehr und wir mussten noch einmal alles erklären um im Anschluss daran unsere Sachen in einen separaten Raum zu stellen, wo sie ohne unser Beisein durchsucht wurden.
Am Ende benutzten wir auch noch nichtsahnend den falschen Ausgang, der aber als solcher gekennzeichnet war und prompt wurden wir auf Hebraeisch angeschrieen: „Ma, ma...ma ta rotze?" Was übersetzt bedeutet: „Was, was...was willst du?" und dabei wurde die Waffe aus uns gerichtet, ein Moment den man nicht beschreiben kann, der aber auch deutlich zeigte, wie überfordert der etwa gleichaltrige Soldat mit seiner Aufgabe war.
Zwei Tage Westbank lagen hinter uns, wir hatten viel gesehen, erlebt und oftmals auch mit einem flauen Gefühl im Magen Dinge getan, die im Nachhinein als töricht und naiv abzustempeln sind. Trotzdem finde ich, dass ich als „Shalom-Bote“ aus diesem von einem fanatischen Konflikt überzogenen Land ausreisen und es mit eigenen Augen gesehen haben sollte.
Zurückgekehrt in Tabgha war meine Zeit dort zu Ende und ich kehrte nach Kfar Tikva zurück. Sobald ich wieder bei meinen Mitvolontären und meinen Membern war, merkte ich, dass dies definitiv der richtige Platz für mich war. Die Zeit in Tabgha war spannend und ereignisreich, doch könnte ich dort kein Jahr leben und arbeiten, abgeschieden am See und von der israelischen Gesellschaft gänzlich abgenabelt.
Das hektische und arbeitsreiche Leben in Kfar Tikva hatte mich wieder, und so arbeitete ich mit meinen Membern im Garten Tag für Tag unter der immer quälenderen Sonne auf dem Kibbuz-Gelände. Die Arbeit, schweißtreibend und oftmals körperlich schwer, mit behinderten und seelisch kranken Menschen, hat mir gezeigt, dass es sehr anstrengend ist zu ihnen Zugang zu bekommen. Selbst nach einem Jahr ist es immer noch ein tägliches Üben in Geduld und Rücksicht nehmen, zu hören, wahr-zu-nehmen und sich einzufühlen und zu versuchen dem anvertrauten Menschen zu zeigen, „du kannst mir vertrauen und brauchst keine Angst zu haben, wir gehen den Weg gemeinsam.“ Vertrauen können, angenommen sein, verstanden werden, sich als wertvoll erleben, Halt finden und Ermutigung bekommen, das sind Dinge, die alle Menschen brauchen. Das erfordert von mir selbst das Hineinversetzen in die Lage, das In-mich-Hineinhören, „denn man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt den Augen verschlossen“, wie es im „Kleinen Prinzen“ so schön heißt.
Besonders stolz war ich, als meine Bowling-Gruppe nach einem Jahr Training bei den israelischen Meisterschaften für Behinderte Menschen ihr Können unter Beweis gestellt hatte, und somit den ersten, zweiten und dritten Platz in der Einzelwertung errang sowie die Manschaftswertung.
Zudem hat unser Pool pünktlich zur heißen Sommerzeit wieder geöffnet und Member, Volontäre wie auch Sozialarbeiter genießen ihn in vollen Zügen. Insgesamt versuchen wir es den Menschen so angenehm wie möglich zu machen, da der Sommer viele an ihre Grenzen bringt. Deshalb waren wir auch mit dem Gartenteam am Strand, als Belohnung für ihre engagierte und ertragreiche Arbeit, die sie Woche für Woche machen. Eis, Wassermelonen, kalte Cola, Seele baumeln lassen, das muss jeder Mensch hin und wieder machen, sei er gesund oder behindert.
Neben meiner Arbeit genoss ich es, wieder mit meinen israelischen Freunden Wochenenden zu verbringen, weitere Einblicke in deren Kultur zu bekommen und eine israelische Hochzeit erleben zu dürfen. Hochzeiten sind immer etwas Besonderes, aber sie in einem anderen Kulturkreis zu erleben, das ist etwas ganz Besonderes. Umso glücklicher war ich, als mein Freund Zah mich zu der Hochzeit seiner älteren Schwester eingeladen hatte. Direkt in Haifa, 500 Gäste, Palmen, ein künstlicher Fluss, eine riesige Festhalle - unglaublich, das hatte schon Ausmaße von Hollywood. Die Trauung, von einem Rabbi geführt, fand unter freiem Himmel statt und im Anschluss wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert.
Es geschieht jede Woche etwas anderes, etwas Neues, selbst in den letzten Wochen, es ist immer noch spannend und macht mir Spaß, trotz alledem bin ich mir darüber im Klaren, dass nichts für ewig ist, alles vergeht mit der Zeit, auch dieses Jahr.
In weniger als einem Monat werde ich wieder nach Deutschland zurückkehren – in meine Heimat. Fragen über Fragen drängen sich in mir auf, wie das wohl sein wird, das „Zurückkehren“ in eine Welt, die nicht mehr die ist, wie zu dem Zeitpunkt, als ich sie verlassen habe, und ich auch nicht mehr der bin, der gegangen ist. Ich freue mich auf einen unheimlich spannenden Prozess des Wiederentdeckens, auf die Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Froh bin ich, dass die Zeit des Wiedersehens zugleich eine Zeit des Aufbruchs werden wird, eine Zeit, in der ich mich mit dem Studium und dem damit verbundenen Umzug nach Sachsen-Anhalt auseinandersetzen werde. Es wird keine Zeit des Wartens sein, in der nach der anfänglichen Wiedersehensfreude eine brutale Ernüchterung eintritt, sondern es geht weiter - panta rei!
Viele Dinge beschäftigen mich, Gedanken strömen ohne Unterlass durch meinen Kopf, und rückblickend kann ich sagen, dass dieses Jahr von Höhen und Tiefen durchzogen war, doch gerade dieser ständige Wechsel, dieses intensive Leben, ein Leben immer zu 110% macht es so unvergesslich und bedeutend. Es war eine Zeit, in der ich mehr gesehen und erlebt habe, als ich erwarten konnte, Spaß und Freude bei der Arbeit hatte und mich zuhause gefühlt habe, getragen von den Menschen daheim und meinen Freunden hier im Land die Möglichkeit hatte den Grundstock einer fremden Sprache zu erlernen, eine andere Kultur kennenzulernen und meinen Weg zu gehen, wie ich es mir vorgestellt habe.
Fest steht auch, dass die Arbeit eine lehrreiche, anstrengende, interessante und vollkommen erfüllende Zeit war - kein Widerspruch in sich, sondern Alltag in Kfar Tikva. Es gab Höhen, aber auch etliche Tage, die mich zum Verzweifeln gebracht haben: Mich ausgebrannt und überfordert fühlen aufgrund des vorgegebenen Arbeitspensums, der klimatischen Verhältnisse und der oftmals nicht ausreichenden Fachkenntnisse war keine Seltenheit. Wo ist hier der Ansprechpartner, interessiert es überhaupt jemanden, wie es mir geht? Vorher nicht zu erahnende Entbehrungen gehörten ebenfalls dazu, wie sich über etwas Gutes zu essen zu freuen oder die wenigen Stunden des Alleinseins in einer Volontärgemeinschaft von sechzehn Personen zu genießen. Die Verantwortung, die ich hier bekommen habe, war zu Beginn erdrückend: Führe deinen eigenen Haushalt, lerne die Sprache und arbeite frei, diszipliniert und engagiert!
Umso schöner ist es nun am Ende dieses Jahres zurückzublicken und stolz sagen zu können, dass es mir trotz der äußeren Umstände gelungen ist mich dem Abenteuer der eigenen Persönlichkeit zu stellen - für mich das größte Geschenk. Zu spüren, wie mich das Er- und Durchlebte verändert hat, ich Dinge anders angehe und auch mir selbst die Möglichkeit gebe Sicht- und Denkweisen zu ändern und zu hinterfragen. „Denn der Weg lehrt uns am besten, ans Ziel zu gelangen, und er bereichert uns, während wir ihn zurücklegen“, wie Paulo Coelho schreibt.
So werde ich nun am 09.08.2008 Israel und Kfar Tikva mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen. Trauer über das Ende dieses fantastischen Jahres auf der einen Seite, Freude über das Wiedersehen auf der anderen Seite. „Wir müssen eben einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können.“
Mein besonderer Dank gilt all denjenigen Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, die sich aufgemacht haben und mich vor Ort besucht haben, keine Selbstverständlichkeit und ein unheimlich motivierendes Gefühl. Aber auch denjenigen, die mich von Deutschland aus unterstützt und interessiert und engagiert meine Arbeit verfolgt haben und auch in den Zeiten da waren, wenn es schwer wurde.
Das folgende Gedicht Hilde Domins hat mich das ganze Jahr über begleitet und setzt nun den Schlusspunkt unter ein Jahr „Shalom-Boten-Dienst“ in Israel:





Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Lehitraot und Grüße in die Heimat
Ihr/ euer Dominik Peters

Zwischen Heimweh und Fernsucht steht mir der Sinn.
Denn ein Ende ist ein neuer Anfang.
So lasse ich los und halte mich fest, denn alles fließt.
Shalom





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